RückenGesundheit multimodal und interdisziplinär stärken

Mit dem nachfolgenden Artikel und Interview möchten wir die Beweggründe für die Gründung eines RückenGesundheitsZentrums darstellen. Aus der Sichtweise drei unterschiedlicher Professionen (Orthopäde, Heilpraktiker für Physiotherapie und Heilpraktikerin für budhistische Psychotherapie) werden die verschiedenen Rollen, aber auch gemeinsamen Zielsetzungen im interdisziplinären RückenGesundheits-Team beleuchtet.

 

Zahlen, Daten, Fakten zum Thema Rückenschmerz

Rückenschmerzen sind immer noch die Volkskrankheit Nummer 1. Sowohl die Statistiken der gesetzlichen Krankenkassen als auch die Veröffentlichungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Arbeitswelt im Wandel - Zahlen, Daten, Fakten Ausgabe 2021) belegen, dass Rückenerkrankungen neben Atemwegserkrankungen und psychischen Störungen einer der häufigsten Gründe für Krankschreibungen sind. Mittlerweile gibt es genügend Evidenz dafür, dass Rückenschmerzen multifaktorielle Ursachen besitzen. Sowohl körperliche, psychische, geistig- mentale als auch soziale Einflussfaktoren können die Entstehung von Rückenschmerzen begünstigen. Die Nationale Versorgungsleitlinie „Nicht-spezifischer-Kreuzschmerz“ und die europäische aktuelle Leitlinie zur Prävention von Rückenschmerz, heben die Bedeutung multimodaler Vorgehensweisen unter Einbeziehung des aktiven Handelns des Patienten hervor. Die Konföderation der deutschen Rückengesundheit / Rückenschulen (KddR) hat seine Konzeptionen zur Stärkung der Rückengesundheit ebenso multimodal und auf Grundlage des bio-psycho-sozialen Ansatz ausgerichtet. Auch bei chronisch erkrankten Rückenschmerzpatienten besitzen, wie beispielsweise das Göttinger Rücken-Intensiv-Programm zeigen konnte, multimodale und interdisziplinäre Behandlungskonzepte eine hohe Evidenz. Die gängige Praxis bei der Behandlung von Rückenschmerzpatienten entspricht jedoch weder den genannten Leitlinien, den wissenschaftlichen Erkenntnissen, noch den positiven Erfahrungen multimodal und interdisziplinär ausgerichteter Behandlungskonzepte. Der Rückenschmerz-Patient von heute ist in den meisten Fällen in erster Linie mehr ein MRT- oder Röntgenbild und wird weniger als bio-psycho-soziale Einheit gesehen. Die bio-medizinische Sicht- und Vorgehensweise ist weiterhin dominant. Trotz evidenter Alternativen werden immer noch zu viele Rückenoperationen durchgeführt. Auffällig ist z.B., dass in Regionen, wo es viele neurochirurgische Zentren gibt, deutlich mehr Einwohner am Rücken operiert werden als in Regionen, in denen es keine oder nur wenige neurochirurgische Angebote gibt.

 

Fragen an GÜNTER LEHMANN - Heilpraktiker für Physiotherapie, ErgoPhys Consultant, Faszientherapeut und KddR Rückenschullehrer

Herr Lehmann, Sie haben nach Ihrer Ausbildung zum Erzieher die Qualifikation zum Krankengymnasten 1986 erworben und sind nun seit 31 Jahren als Physiotherapeut selbstständig. Was hat Sie bewogen, ein RückenGesundheitsZentrum zu gründen?

Immer wieder konnte ich in meinem physiotherapeutischen Praxisalltag feststellen, das Rückenschmerzpatienten überwiegend aus der Sichtweise der apparativen Diagnostik eingeschätzt und behandelt werden. Obwohl die Erkenntnislage sich in den letzten Jahren in Richtung multimodaler Interventionen gewandelt hat, sind die Behandlungsansätze auch heute noch eindimensional. Rückenschmerz-Patienten werden primär auf somatischer Ebene behandelt. Das Dilemma unzureichender Behandlungsansätze ist aber noch prekärer. Wenn beispielsweise bei einem MRT-Bild eine Bandscheibenproblematik zu sehen ist, dann ist die Schmerzursache bei den meisten Orthopäden sofort geklärt. Die physiotherapeutische Praxis zeigt jedoch, dass die primären Ursachen der Rückenbeschwerden häufig auf andere Störungen zurückzuführen sind. Dazu gehören z.B.:

• Störfelder in myo-faszialen Strukturen mit Restriktionen und Nervenkompressionen - myo-fasziale Dysbalancen der seitlichen Rumpfmuskeln
• Hypomobilitäten (Blockierung) der Wirbelsäulensegmente und ISG-Gelenke
• myo-fasziale Dysbalancen der vorderen und hinteren myofaszialen Leitbahnen
• Adhäsionen des Nervengewebes, z.B. bei nicht vollständig therapierten Nervenwurzelreizungen (Nervenmobilisation wurde nicht durchgeführt)
• Facettensyndrome
• segmentale Insuffizienzen
• unzureichende Haltungskompetenz
• arbeitsbedingte Überlastungsstörungen

um nur einige entscheidende Ursachen zu nennen.

So ist es kein Wunder, dass Rückenschmerz-Patienten vollkommen unnötig Bandscheibenoperationen erhalten und sich danach weiterhin mit Rückenschmerzen herumplagen müssen. Meine Kollegen*innen und ich konnten oftmals bei erfolglos operierten Rückenschmerz-Patienten mit physiotherapeutischen und sekundärpräventiven Maßnahmen Beschwerdefreiheit oder deutliche Beschwerdelinderungen bewirken.

In der täglichen Praxis mit Rückenschmerz-Patienten wurde auch deutlich, dass Betroffene mit arbeitsbedingten Überlastungsstörungen, Stressbewältigungsproblemen oder psychischen Störungen eine besonders hohe Anfälligkeit für rezidivierende Rückenschmerz-Episoden vorwiesen. Diese und viele weitere Erfahrungen haben mich dazu bewogen, ein RückenGesundheitsZentrum gemeinsam mit anderen Experten*innen zu gründen.

 

Wie sehen Sie Ihre Rolle in einem interdisziplinären RückenGesundheits Team?

Als Physiotherapeut möchte ich meine Expertise

• bei der Befundung und Istanalyse
• bei der Erstellung des Behandlungsplans gemeinsam mit den Patienten
• bei der Bewältigung von Schmerzen und Missbefinden
• bei der Haltungs- und Bewegungsschulung
• beim Aufbau von Selbstwirksamkeitserfahrungen
• bei der Entwicklung von gesundheitsförderlichen Selbstmanagement und nachhaltiger Rückengesundheits-Kompetenzen

in das RückenGesundheits-Team mit einbringen.

Im Grunde sind es die Kernziele der KddR bzw. BdR-Rückenschule, die bei der Stärkung der Rückengesundheit eine zentrale Rolle spielen.

Als fachlicher Leiter des RGZ-Therapeutenteams koordiniere ich die Therapieabläufe (auch mit den weiteren Physiotherapeuten*innen) und bin für die interne Kommunikation im interdisziplinären Team sowie für die Evaluation verantwortlich.

 

Warum haben Sie sich für das QuellenTherme-Gesundheits-Center in Bad Wildungen-Reinhardshausen als Standort entschieden?

Für ein RückenGesundheitsZentrum sind neben einem erfahrenen interdisziplinären Therapeutenteam gute räumliche Voraussetzungen notwendig. Zwingend erforderlich sind freundlich gestaltete Behandlungsräume, ein spezieller Raum für Meditationen oder Entspannungsverfahren, eine großzügige Trainingsfläche für freies oder gerätegestütztes Training und eine Möglichkeit in der freien Natur z.B. Waldbaden oder Outdooraktivitäten durchführen zu können. Das QuellenTherme-GesundheitsCenter überbietet diese Voraussetzungen noch und kann zusätzlich ein Thermalbad und ein angegliedertes Hotel für Kuren anbieten. In unmittelbarer Nähe befinden sich der größte Kurpark Europas und ein Waldgebiet.

 

Im RückenGesundheitsZentrum Bad Wildungen-Reinhardshausen bieten Sie ambulante Maßnahmen und Rückengesundheitskuren an. Welche Therapie und Gesundheitsförderungsmaßnahmen sind dabei enthalten?

Die Planung der Rückengesundheits-Maßnahmen sind selbstverständlich immer individuell auf den betroffenen Patienten ausgerichtet. Zu den wichtigsten Bausteinen gehören:

• Orthopädisches Check-up, eingehende Untersuchung durch den Orthopäden
• Physiotherapeutisches Check-up - eingehende physiotherapeutische Befundung und Therapieplanerstellung
• Istanalyse, mentales und psychisches Wohlbefinden und Planung des Achtsamkeits- und Resilienz Coaching
• gezielte Physiotherapie mit Anleitung aktiver Bewältigungsstrategien
• täglich geräteunterstütztes Rückenfittraining
• ADL – Coaching, Haltungs- und Bewegungsschulung, Ergonomie mit Bewältigungstraining für die Aktivitäten des täglichen Lebens
• Rückenfit Bewegungsbad Einzel
• Waldbaden
• Rückenfit Yoga
• Entspannung-, Achtsamkeits- und Resilienz-Coaching
• Naturfango
• Nachhaltigkeits-Coaching

 

Fragen an Dr. med. OLIVER MEIER - Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie, Sportmedizin, spezielle Schmerztherapie und physikalische Therapie

Herr Dr. Meier, was hat Sie bewogen bei der Gründung eines Rücken Gesundheits Zentrum mitzuwirken?

Es ist reizvoll in einem hochkompetenten Team außerhalb des Klinikalltags ohne jeglichen wirtschaftlichen Druck mitzuwirken.

 

Welche Risiken und Probleme verursacht die derzeit gängige Praxis bei der Behandlung von Rückenschmerz-Patienten?

Aufgrund des Abrechnungssystems werden Operationen viel besser vergütet wie die konservativen Therapiemöglichkeiten. Indikationen werden deshalb oftmals unter wirtschaftlichen Druck getroffen. Das trifft sowohl für Orthopäden mit eigener Praxis zu, die eine Angliederung an eine Klinik haben, als auch für Orthopäden mit einer Beschäftigung in einer Klinik oder neurochirurgischen Zentrum. Hinzu kommt noch, dass niedergelassene Orthopäden bei physiotherapeutischen Verordnungen einen großen Budgetdruck ausgesetzt sind. Anstatt sinnvoller Physiotherapieverordnungen erhalten Rückenschmerz-Patienten dann Kortison-Spritzen oder Selbstzahlerleistungen wie Magnetfeld,- Elektro- oder Lasertherapie.

 

Worin sehen Sie als Orthopäde und Wirbelsäulenspezialist Chancen und Möglichkeiten, Rückenschmerz-Patienten erfolgreich ohne Operationen zu helfen?

Eine Operation kann, wenn sie gut durchgeführt wird, ein Segen für den Patienten sein, sie ist aber immer nur die letzte Option. Wenn irreversible Nervenschädigungen oder Lähmungen drohen, sind Rücken-Op´s zwingend erforderlich. Der Rückenschmerz kann aber überwiegend sehr gut konservativ behandelt werden. Die Nationale Versorgungs Leitlinie „Nicht-spezifischer-Kreuzschmerz“ gibt eindeutige Hinweise, welche Therapiemöglichkeiten mit guter, schwacher oder keiner Evidenz belegt sind. Die konservative Therapie ist also bei der Behandlung von Rückenschmerz-Patienten immer die erste Wahl.

 

Wie sehen Sie Ihre Rolle in einem interdisziplinären Rückengesundheits-Team?

Ich sehe meine Rolle als Teil eines interdisziplinären Expertenteams. Meine Expertise bringe ich in das Expertenteam ein, indem ich mich nicht allein auf die apparative Diagnostik, sondern verstärkt auf die manuelle Untersuchung und das Patientengespräch konzentriere. Weiterhin sehe ich mich auch als "Lotse" für den Patienten, der häufig sehr verunsichert in unser RückenGesundheitsZentrum kommt. Rückenschmerzpatienten, denen eine Rücken-OP angeraten wurde, bekommen auf Grundlage meiner langjährigen Erfahrung auch als Operateur in einem Wirbelsäulenzentrum eine unabhängige Zweitmeinung. Diese Zweitmeinung basiert nicht allein auf den vorhandenen MRT-Bildern, sondern ist immer mit einem gründlichen Wirbelsäulen-Check-up verbunden.

 

Fragen an INGEBORG TRÜMNER - Heilpraktikerin für Buddhistische Psychotherapie, Kursleiterin für MBSR und MSC Kurse, Achtsamkeits- und Meditations-Coachin

Frau Trümner, was hat Sie bewogen bei der Gründung eines interdisziplinären Rückenzentrums mitzuwirken?

Zunächst finde ich den interdisziplinären Ansatz sehr spannend. Es macht mir Freude in einem Expertenteam gemeinsam mit Kollegen*innen auf Grundlage multimodaler Therpiemöglichkeiten die Gesundheit von Patienten zu stärken. Der Blick auf einen Menschen mit seinen Beschwerden aus verschiedenen Perspektiven ist essenziell, denn nur dadurch ergibt sich ein vollständigeres Bild und eine fundierte Behandlungsgrundlage. Auf diese Weise können wir unseren Rückenschmerz-Patienten gerecht werden.

 

Welche Erfahrungen habe Sie als HP für buddhistische Psychotherapie und Achtsamkeitslehrerin mit Patienten mit Rückenschmerzen?

Rückenschmerzen sind ein Volksleiden. Hier macht sich die Last, die wir durchs Leben schleppen, sehr deutlich bemerkbar mit oft erheblichen Einschränkungen im empfundenen Wohlbefinden. Für mich geht es darum, diese „Last“ zum einen auf der psychischen Ebene zu identifizieren und auch zu benennen und gleichzeitig einen heilsameren Umgang als bisher damit zu finden.

Etwa 50 % des Schmerzempfindens kommt nicht aus den vorhandenen körperlichen Erscheinungen, sondern WIE wir darauf reagieren. Anspannung verstärkt die Beschwerden, Entspannung (in der angespannten Phase) erleichtert sie.

Wir laufen meistens in automatisierten, unbewussten Reaktionsweisen auf unliebsame Körperempfindungen und kämpfen stark dagegen an. Dies ist kontraproduktiv und verstärkt das Schmerzempfinden erheblich. Ein Teufelskreis entsteht. Die Bereitschaft, eine andere Reaktion einzuüben, ermöglicht einen völlig anderen Umgang mit den Beschwerden. Dies ist oft sehr hilfreich und ermöglicht auch den anderen Disziplinen ein anderes Vorgehen. Auf diese Weise können Operationen vermieden und Beschwerden nicht nur am Rücken, sondern am gesamten Bewegungssystem vermindert werden. Und sollte dennoch eine Operation vonnöten sein, dann kann auch hier eine andere mentale Haltung gefördert werden, die besonders auch in der Zeit danach zu anderen Ergebnissen führen kann.

 

Worin sehen ich die Chance und Möglichkeiten Rückenpatienten erfolgreich ohne Operation zu helfen?

Die Haltung der budhistischen Psychotherapie ist immer: „Da ist ein Mensch, nicht ein Patient“. D.h. ich gehe immer davon aus, dass jeder Mensch in seinem Leben Krisen erfährt, egal welcher Art. DAS IST NORMAL. Ob wir dies als eine Chance betrachten, etwas zu verändern in unserer Haltung dem Leben gegenüber und auch in unserem Lebensstil, das können wir entscheiden. Somit kann aus jeder Krise etwas sehr Positives erwachsen. Zum Beispiel können wir lernen, unsere Bedürfnisse besser zu erkennen, mehr Verantwortung für uns selbst zu übernehmen, mehr Mitgefühl für uns selbst (und damit auch für Andere) zu entwickeln, Selbstfürsorge zu kultivieren. Es sind meist die mentalen unbewussten Programmierungen und Glaubenssätze, die uns krank machen.

 

Wie sehen Sie Ihre Rolle in einem interdisziplinären RückenGesundheits Team?

Indem ich ressourcen-blockierende, negative Glaubenssätze und Selbstbilder und andere hemmende Programmierungen ins Bewusstsein hole. Durch Übungen aus dem Achtsamkeitskontext ergibt sie überhaupt erst die Chance zu Selbsterkenntnissen, neuen Entscheidungen, Veränderungen und selbstwirksamen Handeln. Wenn z.B. bewusst wird, was mich „nährt“ und was mich „zehrt“, kann überhaupt erst eine neue Verhaltensmöglichkeit gesucht werden. Somit ist dieser Teil, den ich beitrage, eine „mentale Grundlage“ für alles was an medizinisch notwendigen Maßnahmen nötig wird. Diese können dann auch besser greifen und der Erfolg verspricht ganzheitlicher, vollständiger und nachhaltiger zu werden.

 

Für Beratung und weitere Auskünfte stehen Ihnen das Kompetenzteam in der QuellenTherme zur Verfügung.

 

Quellenangaben mit Zugriff 22. August 2021:

Nationale Versorgungsleitlinie „Nicht-spezifischer-Kreuzschmerz
https://www.leitlinien.de/themen/kreuzschmerz/pdf/kreuzschmerz-2aufl-vers1-kurz.pdf

Arbeit im Wandel
https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Praxis/A105.pdf?__blob=publicationFile&v=7

Göttinger - Rücken - Intensiv - Programm
https://link.springer.com/article/10.1007/s004820050040
Zugriff: 21.08.2021

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